„Ruf deinen Bruder an. Frag, ob er mich heiraten möchte”

Foto ©  acquimat4

In der nigrischen Wüste findet eine Feministin aus Graz die Liebe ihres Lebens. Vielleicht hatte ihre Beziehung mit einem Toureg tatsächlich keine Chance. Aber Birgit bereut nichts.

Aghali ist wieder nach Niger zurückgekehrt, allein, er versucht dort sein Glück als Goldgräber. Am Ende haben die anderen irgendwie recht behalten: die wohlmeinenden Freunde mit den abgedichteten Weltbildern; die Bedenkenträger, die vom allgemeinen Hörensagen über interkulturelle Ehen grob gestrickte Erklärungen zum Besonderen fällten. Die wohl auch rassistischer dachten, als sie es sich eingestehen wollten. Und daraus übertriebene Sorge um Birgits Wohlergehen ableiteten. Sie sollten recht behalten – und doch wieder nicht. Die allerwenigsten Dinge im Leben sind bloß schwarz oder weiß.

Birgit jedenfalls bereut ihre Liebesgeschichte mit einem Tuareg keine Sekunde. „Ich würde es wieder tun“, sagt sie. „Jede zweite Ehe in Österreich wird geschieden, da ist niemand groß überrascht. Wir haben gekämpft und leider verloren.“ Wenn es aber eine Binsenweisheit gebe, die sie widerwillig zu akzeptieren gelernt habe, dann diese: „Der Satz, dass Liebe allein nicht reicht, hat sich in unserem Fall leider bewahrheitet.“

Für NZZ.at, Mai 2015 

Die abenteuerliche Liebesgeschichte von Birgit, der promovierten Soziologin aus Graz und Aghali, dem Tuareg aus Niger, beginnt 2006. Damals war Birgit Ende 20, sie hatte wenige Jahre zuvor ein Studium der Gender Studies abgeschlossen. Birgit hatte sich mit dem Rollenverständnis der Geschlechter auseinandergesetzt; mit dem, was im Westen als männlich und weiblich gilt. Die Gender Studies, eine feministische Spezialdisziplin, beschäftigen sich mit fixen Ideen im Kopf, die im Alltag Wirklichkeiten schaffen.

Mit österreichischen Männern hatte sie damals – zumindest beziehungstechnisch – wenig im Sinn. Die waren ihr zu eingefahren in Verhaltensmustern, die Buben hierzulande bereits im Kindergarten eingeimpft werden. Man könnte auch sagen: Birgit war angeödet von österreichischen Männern. Als sie das Angebot zu einer Studienreise in die Sahara annahm, dachte die junge Frau an alles Mögliche. Bloß nicht an Jungs.

Birgit erzählt:

Eine Freundin hat mich zu der Reise in den Niger eingeladen. Ich kann nicht mehr sagen, warum ich zugesagt habe. Denn eigentlich konnte ich es mir nicht leisten. Aber irgendetwas hat mich gedrängt. Im Nachhinein muss man fast an Schicksal glauben.

Es war ihre erste Reise nach Afrika. Birgit stand an der Flughafenmauer, umringt von Bettlern, ringsum Lehmhütten. Überfordert von der Wucht der Eindrücke war sie froh, als die einheimischen Kontaktleute auftauchten: zwei Fahrer, ein Koch, eine Handvoll Fremdenführer. Sie verfrachteten die Reisegruppe in Jeeps und fuhren mit ihnen in die Wüste. Aghali, 27, einer der Chauffeure, gab allen die Hand – bloß Birgit nicht. „Ich weiß bis heute nicht warum“, sagt sie.

Im Auto saß sie hinter ihm. Da machte sie sich noch keine großen Gedanken über den jungen Tuareg. „Ich habe lustigerweise an Sextourismus gedacht.“ An reiche, weiße Europäerinnen, die in Afrika schwarze Männer aufreißen. Das fand Birgit nicht minder abstoßend als männlichen Sextourismus in Thailand.

Schließlich ergab sich doch ein vorsichtiger, erster Kontakt zwischen den beiden. Man verständigte sich mit Händen und Füßen, denn Aghali sprach kein Englisch, Birgit kein Französisch.

Erst viel später sollte Birgit erfahren, dass Aghali die österreichische Reiseleiterin nach ihr ausgefragt hatte. Wie sie wohl reagieren würde, wenn er sie nach Tuareg-Tradition am Schlaflager besuchte?

Der Mann geht zum Lager der Angebeteten, um zu plaudern. Natürlich muss sie ihn am Anfang wegschicken, aber wenn er hartnäckig ist, darf er irgendwann bleiben.

Es dauerte eine Woche, bis er sich ein Herz fasste und zum ersten Mal vorbeikam.

Er hat mich begrüßt und dann wenige Meter neben mir gepinkelt. Das ist in seiner Tradition alles andere als unhöflich. Aber für mich war es, als würde er in mein Schlafzimmer pinkeln.

Das, sagt Birgit, „war der Anfang der interkulturellen Missverständnisse“. Es sollten noch viele weitere folgen.

Zwischen den beiden bahnte sich eine zarte Romanze an. Kleine Zeichen der Zuneigung, Berührungen der Fingerspitzen, wenn sie sich – „rein zufällig!“ – am Morgen beim Beladen der Jeeps trafen.

Birgit erfuhr, dass Aghali noch nie zuvor etwas mit einer anderen Frau gehabt hatte.

Ich habe ihm das lange nicht geglaubt, aber es war so. Ich war für ihn die erste und einzige Frau. Und das, obwohl in Westafrika außereheliche Affären an der Tagesordnung sind. Das hatte mit seinem Kulturkreis nichts zu tun, das war er. 

Als Birgit zurück nach Österreich flog, ahnte sie, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende sein würde. In Graz büffelte sie Französisch, mit Aghali blieb sie in losem SMS-Kontakt. Wobei:

Er konnte nicht schreiben. Daher kamen die SMS von seinen Freunden. Nach einiger Zeit wusste ich, von welchem Freund welches SMS kam. Erst dachte ich, er habe ihnen die blumigen Nachrichten diktiert. Aber das war nicht so. Seine Freunde haben sie für ihn formuliert.

Im Jahr darauf flog Birgit erneut nach Niger. Die beiden konnten sich zum ersten Mal auf Französisch unterhalten, sie hatten Zeit für sich.

Es hat einfach gepasst, ich konnte mich voll fallen lassen. Später hat der Kopf kritische Fragen gestellt. Ob es nur die Exotik ist, die mich anzieht. Aber Herz und Bauch waren sehr gelassen.

Die Tuareg-Kultur in Niger ist muslimisch geprägt, aber das Frauenbild der Nomaden entspricht nicht gängigen Klischees über den Islam. Einige Ethnologen wollen in der traditionellen Lebensweise sogar Ansätze des Matriarchats erkennen. Dem stimmt Birgit nicht ganz zu. Aber der Stellenwert der Frauen, sagt sie, sei viel höher als anderswo und das Verhältnis der Geschlechter entspannter. Männer müssten weniger darstellen, um Mann zu sein.

Unser offenkundiger Bildungsunterschied hat für ihn nie eine Rolle gespielt. Er hatte die Männlichkeitskonzepte des globalen Nordens nicht im Kopf. Dass er nicht schreiben konnte und ich studiert habe, das hat er nicht als schlimm wahrgenommen.

Wer in einer überschaubaren Gruppe in der Wüste überleben will, ist auf die anderen angewiesen. „Tuareg sind weniger kopfzentriert“, sagt Birgit. Respekt vor dem Gegenüber sei überlebenswichtig: „Sie trainieren, an kleinsten Kleinigkeiten zu erkennen, wie es dem anderen geht – um darauf angemessen zu reagieren.“

Als sie nach einigen Wochen wieder in Wien landete, hatte sie Gewissheit.

Ich wusste, das ist es. Ich habe meinen Job hingeschmissen, um ein Jahr zu ihm zu gehen.

Was sie nicht so genau wissen wollte: 2007 hatte im Niger eine Rebellion der Tuareg gegen die Zentralregierung begonnen. Anders als einige Jahre später in Mali, waren die damaligen Tuareg-Rebellen noch nicht von islamistischen Eiferern unterwandert. Ihre Ziele waren pragmatischer Natur: gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung, eine Umverteilung vom wohlhabenden, rohstoffreichen Norden in den bitterarmen Süden des Landes. Es gab eine lange Dürreperiode. Ausschlaggebend für den damaligen Aufstand war der Hunger, nicht die Religion.

Mit Müh und Not bekam Birgit noch ein Visum für das kriselnde Land. Krieg lag bereits in der Luft, wenn auch nur als fernes Grollen. Ein paar unbeschwerte Tage blieben Birgit und Aghali.

Der allererste Angriff fand ganz in unserer Nähe statt. Er kam abends immer zu meinem Lager, blieb aber nie über Nacht. Doch in dieser Nacht blieb er bei mir, weil er wusste, dass es einen Angriff geben würde. Ich war in perfekter Sicherheit.

„Leider“, sagt Birgit, war er auch in die Rebellion involviert.

Er hätte wenig später zu ihr nach Österreich fliegen sollen, das Geld für den Flug hatte sie hinterlegt. Aber es kam anders.

Er war unterwegs, als er mitbekam, dass die Polizei sein Haus durchsucht. Hätten sie ihn gefasst, wäre er ins Gefängnis gekommen. Am Ende blieb ihm keine Wahl, als in die Berge zu gehen. Er hat das Geld in eine Kalaschnikow und ein Satellitentelefon investiert.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten andere wohl die Notbremse gezogen. Birgit nicht. In den folgenden Monaten kamen sporadische Lebenszeichen von Aghali. Sie recherchierte im Internet und fand seinen Namen auf einer Todesliste. „Zum Glück“, sagt sie, „war das nur eine Namensgleichheit.“

Der einzige direkte Kontakt zu Aghali sei dessen Bruder gewesen, der in Wien lebt. „Irgendwann“, sagt Birgit, „habe ich es nicht mehr ausgehalten.“ Sie besuchte den Bruder und bat ihn, Aghali am Satellitentelefon anzurufen. Sie sagte:

Bitte, du musst das für mich tun. Ruf ihn an und frag ihn, ob er mich heiraten will.

In der Wohnung des Bruders gab es kaum Handy-Empfang, also mussten die beiden auf die Straße gehen. Spätnachts war Aghali am Telefon, er wollte nur mit seinem Bruder sprechen. Eine halbe Stunde lang dauerte das Gespräch auf Tuareg, Birgit verstand kein Wort. Als Aghalis Bruder endlich auflegte, fragte sie ihn, was der gesagt hätte.

„Heiraten geht okay“, sagte der Bruder.

Dosso, Niger. Foto: LM TP/Flickr/CC

Über viele Umwege trafen sich die beiden Liebenden schließlich in Dakar, wo sie für einige Wochen ein kleines Zimmer mieteten. Kakerlaken, Plumpsklo am Gang, aus der Mauer wuchs ein rostiger Wasserhahn. „Es war eine besondere Zeit“, sagt Birgit.

Kurz flogen die beiden gemeinsam nach Österreich, wo Birgit ihren Verlobten erstmals den Eltern vorstellen wollte. Am Weg dorthin wollte Aghali sein Gesicht verhüllen, Tuareg-Tradition, ein Zeichen ausgesuchter Höflichkeit. Birgit schaffte es, ihm das auszureden. Die Situation war schon so kompliziert genug.

Dann die Überraschung.

Vater und Schwiegersohn haben sich gesehen und auf den ersten Augenblick gemocht. Es gibt bis heute eine Affenliebe zwischen den beiden, die durch nichts erschüttert werden kann.

Trotzdem hatten die Eltern an der ungewöhnlichen Beziehung ihrer Tochter zu knabbern. „Es war nicht einfach für sie. Aber sie haben das für sich gelöst, ohne mich damit zu belasten.“

Bald darauf flogen die beiden erneut nach Dakar, sie wollten dort heiraten. Drei Monate dauerte es, ehe sie von den senegalesischen Behörden grünes Licht bekamen. Auch die österreichische Botschaft wollte von der Hochzeit der beiden nichts wissen, der zuständige Beamte mauerte. Eine mögliche Erklärung wäre, dass er Birgit vor einem Fehler bewahren wollte. Sie hat für sich eine andere gefunden: „Das war ein Rassist, ein Arsch mit Ohren!“

Am Ende bekam sie doch ihren Willen, mit unkonventionellen Mitteln. „Alles geht einfacher, wenn man den Neffen des Standesbeamten als Trauzeugen kauft“, sagt Birgit. Als Mann und Frau reisten die beiden nach Graz, um sich eine Existenz aufzubauen. Wollte Aghali bloß eine Aufenthaltsgenehmigung, wie die österreichischen Beamten in Dakar wohl mutmaßten? Mitnichten, meint Birgit. „Österreich hat ihn kaum interessiert. Er ist meinetwegen mitgekommen, und es war immer klar, dass er nicht auf ewig bleiben wird.“

Es folgten die Mühen der Ebene, vor denen sich Birgit insgeheim gefürchtet hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es stets Druck von außen, der die beiden zusammenschweißte. All die Probleme, die Behördenwillkür: Das war Kitt für die Beziehung. Wie aber würde sie im Alltag funktionieren?

Wir haben beide große Zugeständnisse gemacht, er vermutlich mehr als ich. Es war für ihn zum Beispiel die Hölle auf Erden, wenn ich weinte. Das konnte er nicht ertragen. Aber er ist trotzdem geblieben – und das ist der größte Liebesbeweis, den er mir geben konnte.

Die beiden entschieden, für ein, zwei Jahre nach Benin, Westafrika, zu ziehen, wo Birgit eine gut dotierte Stelle als Entwicklungshelferin annahm. Und dort begann es zu kriseln, langsam. Am Ende haben auch Tuareg-Männer irrationalen Stolz. Dass er nicht imstande war, annähernd so viel Geld zu verdienen wie seine Frau, verdross Aghali zunehmend.

Die Beziehung scheiterte wie die vieler anderer Paare. Am Ende ging es um Geld, und um unterschiedliche Chancen im Leben. Er kam nicht darüber hinweg, dass ich die Kohle nach Hause bringe. Seine Antwort war eine typische afrikanische: Er wollte auf seine Art Geld verdienen.

Als er ihr eröffnete, dass er zurück in seine alte Heimat möchte, um dort nach Gold zu suchen, zog Birgit nach langem Zögern einen Schlussstrich. Inzwischen lebt sie wieder in Graz, sie will demnächst die Scheidung einreichen. Die beiden haben sporadisch Kontakt. „Wir lieben uns noch immer“, sagt Birgit. „Ich glaube nicht, dass er mir etwas in den Weg legen wird.“