Flucht in die verbotene Stadt

Mit der Badner Bahn nach Wien Meidling – ein verbotenes Vergnügen für junge Flüchtlinge in Traiskirchen. © Schnitzel_bank

Im Sommer 2015 staute es sich im Flüchtlingslager Traiskirchen. Vor allem junge Asylwerber zog es in die nahe Großstadt Wien. Dass das verboten war, juckte sie wenig.

Sammys Gott hält zu den Ausreißern, nicht zu den Polizisten. Die Zustände im Lager Traiskirchen, die Zelte, das geschmacklose Essen: All dies würde Gott missbilligen, glaubt der junge Mann aus Nigeria. Sammy ist überzeugt: Der da oben stünde auf der Seite der Flüchtlinge. Selbst wenn sie das Gesetz brechen. „Auf Gott ist Verlass“, sagt Sammy. „Mehr als auf die Menschen.“ 

Veröffentlicht auf NZZ.at am 7. August 2015. Fotocredits: Julian Turner

Sammy ist 16 Jahre alt. Er träumt von einer Ausbildung zum IT-Experten – oder zum Torhüter. Damit, so glaubt er, würde er bestimmt einen Job bekommen – und er müsste nicht mehr schwarzfahren. Doch derzeit hat er nicht einmal eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung als Asylwerber, von einer Arbeitsgenehmigung ganz zu schweigen. Sammy ist gerade erst im überfüllten Erstaufnahmezentrum angekommen.

Jetzt lehnt er lässig neben dem Ticketschalter am Bahnhof Traiskirchen. Ein-, zweimal die Woche riskiert er es und fährt mit der Badner Bahn nach Wien. „Menschen kennenlernen“, sagt er. In der Anonymität der Großstadt verschwinden. Ein verbotenes Vergnügen: Denn Sammy hat nur einen vorläufigen Personalausweis, die „grüne Karte“. Damit darf er Traiskirchen nicht verlassen. Wird er von der Polizei aufgehalten, gibt es Ärger.

Trotz Aufnahmestopp leben derzeit 4.100 Menschen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, knapp 30 Kilometer südlich von Wien. Sammy ist einer von jenen 1.500, die keinen regulären Schlafplatz haben, er wurde in einem Zelt vor dem riesigen Flüchtlingsquartier untergebracht. Früher verbrachten die Asylwerber rund vier Wochen in der ehemaligen Kaserne. Doch mit dem rasanten Anstieg des Flüchtlingsstroms nach Österreich hat sich die Verweildauer verdoppelt. Bis zu zwei Monaten warten die Asylwerber auf engstem Raum, ehe sie einem Heim in den anderen Bundesländern zugeteilt werden. Vor allem den Jungen fällt das Nichtstun schwer, sie suchen nach Ablenkung. Und die gibt es am ehesten in Wien.

„Caritas“ lautet das trügerische Zauberwort

Manchmal ist es auch die Hoffnung auf die Verbesserung ihrer Lebensumstände. „Caritas“ lautet für viele das Zauberwort. So auch für William aus Ghana, der wie Sammy von einer Fußballerkarriere in Österreich träumt. William sitzt vor einem Abstellgleis und zupft an einem Grashalm. Er hat den Regelbruch noch nicht gewagt, aber früher oder später möchte auch er sich in den Bummelzug in die Hauptstadt setzen. In der Caritas-Zentrale in Wien, das ist seine trügerische Hoffnung, werde er eine reguläre Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Die Mundpropaganda im Lager macht aus der katholischen Hilfsorganisation – die mit dem Innenministerium immer wieder im Clinch liegt – eine Behörde, die Asylbescheide ausstellt.

Aber was, wenn er erwischt wird? Könnte ihm das das Asylverfahren verhageln? Müsste er Österreich dann verlassen? „Sie werden mich bestrafen“, glaubt William.

Die Sanktionen sind überschaubar

Seit einigen Wochen wird an den Bezirksgrenzen von Baden vermehrt kontrolliert. Flüchtlinge müssen sich ausweisen. Nur wer die „weiße Karte“ – die temporäre Aufenthaltsgenehmigung für Asylwerber – vorweisen kann, darf den Bezirk verlassen. Die meisten Ausreißer am Bahnhof haben keine.

Tatsächlich sind die Sanktionen überschaubar, heißt es aus dem Innenministerium. „Das ist eine einfache Verwaltungsübertretung“, sagt Sprecher Karl-Heinz Grundböck. Auf das Asylverfahren habe das keinen Einfluss. Die Ausreißer werden wieder nach Traiskirchen zurückgeschickt.

Der Zug fährt ein, William bleibt sitzen. Noch ist er nicht bereit für den Regelbruch. Sammy hingegen springt in den Waggon, ohne Ticket. Das würde 6,60 Euro kosten. Geld, das er nicht hat. Der Bummelzug fährt langsam an, vorbei an Reihenhaussiedlungen und Weingärten. Wenn Sammy nervös ist, dann verbirgt er das gut.

„Es ist ein verrücktes Leben. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verrückt machen lässt.“

„Es ist ein verrücktes Leben“, sagt er. „Man muss aufpassen, dass man sich nicht verrückt machen lässt.“

Auf der anderen Seite des Waggons liest eine ältere Frau in der Krone. Hin und wieder sieht sie skeptisch zu Sammy, dann senkt sie schnell wieder den Blick. Außer ihr nimmt in der Badner Bahn niemand Notiz von dem jungen Asylwerber. Die Traiskirchner Bevölkerung ist Flüchtlinge seit Jahrzehnten gewohnt.

Eine gute Dreiviertelstunde dauert die Fahrt bis Wien. In der ganzen Zeit kommt kein Kontrolleur, die Bahn fährt schaffnerlos. In Wien, sagt der junge Asylwerber, werde er einfach drauflosmarschieren. Freunde habe er keine in der Stadt.

Der Zug fährt in Wien Meidling ein. Sammy springt aus dem Waggon und geht davon ohne sich umzudrehen. Es ist früher Vormittag, spätestens um 19 Uhr muss er wieder im Lager sein. Vor ihm liegt ein halber Tag Freiheit in der verbotenen Stadt.