Camp der trügerischen Hoffnung

An der ungarisch-serbischen Grenze campierten im September 2015 hunderte Flüchtlinge auf dem Asphalt. Sie wollten nicht wahrhaben, dass Ungarn die Grenzen dicht machte. 

Wolfgang Rössler

Auf der serbischen Seite der Grenze hockt ein junger syrischer Literaturwissenschaftler auf dem Asphalt und doziert über sein Lieblingsbuch „Schuld und Sühne“. Rodion Raskolnikow, die Hauptfigur in Dostojewskis Roman, wurde durch unglückliche Umstände zum Mörder. Er ging an seinen Gewissensbissen zugrunde. „Syrien“, sagt der 27-Jährige mit theatralischer Geste, „ist voll von Raskolnikows. Bloß haben die keine Gewissensbisse.“ 

Gleich neben ihm steht ein alter roter Volvo mit Chemnitzer Kennzeichen. Der Besitzer spielt laut Roma-Musik. Ein paar Kinder wippen im Takt. Die Situation ist surreal: Vor der sich anbahnenden humanitären Katastrophe an der ungarisch-serbischen Grenze wird getanzt und über Literatur gesprochen. Es ist kurz vor vier Uhr früh, noch gibt es in diesem eben erst bezogenen Lager Hoffnung. Keiner hier will so recht glauben, dass Ungarns Premier Viktor Orbán Ernst macht und Asylwerber rigoros aussperrt. „Früher oder später werden sie die Grenze öffnen müssen“, glaubt Ahmed. 

Ein Gerücht geht um: Schon in zwei Stunden, um sechs Uhr, könnte es so weit sein. 

Lager leerte sich binnen Stunden 

Ahmed ist einer von hunderten Asylwerbern, die in der Nacht in Horgoš, einem kleinen serbischen Städtchen an der Grenze zu Ungarn, campieren. Laufend treffen neue Flüchtlinge vor der heruntergekommenen Grenzstation ein. Sie kommen von der 14 Kilometer entfernten Stadt Kanjiža, einem Sammelpunkt der Geflohenen in Serbien. Kanjiža ist kein staatliches Flüchtlingslager, sondern ein von Hilfsorganisationen betreutes Lager; für die meisten die letzte Etappe vor dem Übertritt in die EU. 

Als Ungarn um Punkt Mitternacht die Grenzen für Asylwerber völlig dichtmachte, leerte sich das Lager binnen Stunden. Die Flüchtlinge wollten nicht wahrhaben, dass dieser Weg Richtung Westen endgültig verriegelt wurde. In Scharen wanderten sie zum kleineren der beiden Grenzübergänge, wo sich noch in der Nacht ein provisorisches Lager bildete. 

Mehr und mehr staute es sich auf der Zufahrtsstraße. Die Flüchtlinge campierten am Asphalt, viele ohne Decken und Nahrungsmittel. Manche deckten sich behelfsmäßig mit Alufolie zu. Sie hatten Glück: Die Temperaturen waren verglichen mit den letzten Tagen mild. 

Einen guten Kilometer weiter, im ungarischen Röszke, steht das berüchtigte Erstaufnahmelager bereits leer. Gespenstisch ragt der Käfig aus meterhohem Draht in den Nachthimmel. Immer noch ist das Lager von gigantischen Halogenlampen hell erleuchtet. Aus der Ferne sieht es aus wie ein Fußballstadion. 

Auch das nahe Erstaufnahmelager ist bereits geräumt. Die Flüchtlinge wurden am Montag in Bussen und mit der Eisenbahn nach Österreich gebracht, übrig blieben die einfachen Zelte und Halden von Müll. Der Gestank ist erbärmlich. In einer Lagerhalle suchen ungarische Helfer nach Decken und Mineralwasser, die sie über die Grenze nach Serbien bringen. Sie müssen mehrere Umwege nehmen, der nächste Grenzübergang nach Serbien ist bereits nach beiden Seiten abgeriegelt. 

Um Mitternacht trat das neue Gesetz in Kraft, wonach sich jeder Flüchtling, der die Grenze übertritt, strafbar macht. Wer erwischt wird – was angesichts der dichten Kontrollen mehr als wahrscheinlich ist – riskiert eine Haftstrafe und in weiterer Folge die Abschiebung nach Serbien. Ein gutes Dutzend Flüchtlinge wurde alleine in der Nacht auf Dienstag festgenommen. Sie wollten es auf eigene Faust probieren. 

Doch die meisten harren an Grenzstation Horgoš 2 aus. Einige dösen, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Soeben ist eine syrische Mutter mit einem vier Tage alten Baby am Arm eingetroffen. „Vier Tage! Das Baby ist vier Tage alt“, schnaubt Erika, eine der ungarischen Caritas-Mitarbeiterinnen, die sich mit Decken eingestellt hat. 

Jetzt verteilt die junge Frau mit Wuschelhaar Wasser und Decken: „Stillende Mütter und Kleinkinder zuerst“, sagt sie. 

Noch will niemand über Kroatien und Slowenien flüchten 

Eine merkwürdige Gelassenheit liegt in der Luft. Immer noch sind die meisten hier der Meinung, dass sich der Grenzbalken früher oder später für sie öffnen werde. „Wir warten einfach“, sagt ein junger Afghane. Zwei serbische Grenzpolizisten stapfen sichtlich ratlos durch das behelfsmäßige Lager. Dann drehen sie um, gehen zum Auto und zünden sich eine Zigarette an. 

Ihre Kollegen auf der ungarischen Seite der Grenze sind deutlich weniger entspannt. Sie tragen schwere Ausrüstung und Pfefferspray. In Reih und Glied stehen sie da, von den Flüchtlingen nur durch den gusseisernen Zaun getrennt. Ein Wasserwerfer ist auf die Campierenden gerichtet. 

Inzwischen sind zahlreiche ungarische und serbische Helfer eingetroffen. Caritas-Mitarbeiterin Erika instruiert sie: „Ich würde den Leuten raten, erst einmal hier abzuwarten. Wenn jemand den Weg über Kroatien nehmen möchte, dann warnt sie unbedingt davor, die Straße zu verlassen. Denn die Wälder sind noch immer minenverseucht.“ 

Noch freilich will niemand so recht das Wagnis einer bislang unbekannten Fluchtroute über Kroatien und Slowenien Richtung Österreich auf sich nehmen. 

„Soll ich es wagen?“, fragt ein junger Mann Erika. 
– „Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass es Wege nach Europa gibt. Aber ich kenne sie nicht“, sagt sie. 

Inzwischen ist es sechs Uhr geworden. Nichts geschieht. Die Grenzstation bleibt geschlossen, die Polizisten auf der anderen Seite verziehen keine Miene. Die Menge bleibt ruhig. Noch wollen die Flüchtlinge ausharren. Doch die ersten erkundigen sich bereits nach möglichen Routen über Kroatien. „Das Leben ist ein Abenteuer“, sagt Ahmed, der Literaturwissenschafter. „Entweder man überlebt es, oder man stirbt.“