wort.reise gen klagenfurt

In Klagenfurt wurde Ingeborg Bachmann geboren, hier lesen jedes Jahr im Juli ausgewählte Autorinnen und Autoren aus ihrem aktuellen Werk. Welche Eindrücke nehmen sie von der Stadt am Wörthersee mit? Eine literarische Spurensuche. 

Johann Jaritz/Wikimedia

Bei meinem ersten Besuch in Kärnten in einem Winter vor vielen Jahren dachte ich: Schön. Und: Diese Kälte. Ersteres meinte ich auf die Natur bezogen, letzteres durchaus auf den Kärntner Charakter.

Mit der Kälte tat ich dem Kärntner unrecht. Doch ich habe gute Chancen, dass er mir das nicht übel nimmt, denn er fühlt sich gern unverstanden. Er ist interessiert, seine Begeisterung aber hebt er für eine bessere Gelegenheit oder gleich sich selbst auf. Er zeigt sich aufgeschlossen und erzählt bereitwillig, die Hüllen aber hält er fest an sich gepresst. Er lebt nicht das Direkte, das Verletzbare, die Öffnung, die schiefgehen kann, nackt macht und allen Reaktionen, auch den schmerzlichen, aussetzt. Das Verletzliche muss in Kärnten hergeleitet werden. Aus den Scherzen, den Bemerkungen, dem Murren, der Art des Abwinkens oder dem Augenblick, an dem einer den Schlussstrich unter das Gespräch setzt. 

Ich hörte, der Kärntner möchte seine Besonderheit weithin anerkannt wissen und habe gleichzeitig Angst vor Wettbewerb und Bewertung von außen, weil er befürchte, dass ihm keine Sicht gerecht würde. Umso erstaunlicher und umso logischer ist es, dass der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ausgetragen wird – kommt er dieser Angst auch nicht entgegen, wird er ihr zumindest sicherlich gerecht. 

Den Beherzten sei Kärnten wärmstens empfohlen; es gibt hier und von hier aus echte Schätze zu entdecken. In Begegnungen, im Text. 

Eine Sammlung an großteils aktuellen literarischen Kleinodien von Autor*innen aus dem deutschsprachigen Raum, die in der Vergangenheit am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen haben.

DIE AUTORIN
Patrícia Kurucz wurde 1978 in Budapest geboren. Sie lebt als Dolmetscherin und Lektorin in Wien. www.kurucz.at

Für diesen in der Juni-Ausgabe des Kulturmagazins Brücke erschienen Text hat sie 14 ehemalige Autorinnen und Autoren des Ingeborg-Bachmann-Bewerbes um eine literarische Stellungnahme zu Bachmanns Heimatstadt Klagenfurt am Wörthersee gebeten. 

ANNA BAAR
Ein Projektor – darin, aufgereiht in einem länglichen Kunststoffkästchen, kleine Bilder in Plastikrahmen. Werft die Bilder an die Wand des Wulfenia Kinos, des Volkskinos (auch außen soll Projektionsfläche sein), werft sie an die Wand des Stiftsgymnasiums, auf die Wasserfläche im Lendhafen, in die Büsche im Europapark, an die Wand des Musilhauses und des Mozarthofs. Werft wie wild und zielt mit Sorgfalt! Spielt zum ersten Bild („Ich, vierjährig, auf dem Balkon unserer ersten Wohnung in der Tarviser Straße die Fussgänger und Radfahrer beobachtend“) Beethovens Piano Sonata No. 14. Spielt zum zweiten Bild („Der erste Boyfriend war keiner aus Klagenfurt“) Remember a Day von Pink Floyd. Spielt zum dritten Bild („Wir flüchten die Liebe und flüchten die Stadt“) Pissing in a River von Patti Smith. Nehmt die alten Platten!

ZSUZSANNA GAHSE
Alle Melonen sind auf dem Rückweg.
Schnell rollen sie, hinunter, über die
Alpen davon nach Süden, Murillo
ach, die süßen Melonen, wie schnell sie
davonrollen, zum Glück.

Aus: Hundertundein Stilleben, Wieser Verlag Klagenfurt,
1991, Neuauflage Drumlin Verlag, 2016

NORA GOMRINGER
Die Bachmann streckt in diesen Wettbewerb wohl nur die blasse Nase. Ich fand sie in wenigem, ja kaum bedacht. Das grämte mich irgendwie. Hab am Ende meinen Blumenstrauß auf ihr Grab gelegt. Hab sie sich nicht umdrehen hören. Hat ihr wohl gefallen, dass ich an sie gedacht hatte.

BODO HELL
ReimRuine (SelbstLäufer aus dem Damtschacher Garten)
Agaven blühen einmal und nicht wieder
doch jedes Jahr von neuem sprießt der Flieder
die Leiblichkeit betont ein strammes Mieder
des Nachbarn Ziege äugt vom Stand herüber
die Hühner buddeln Sand sich ins Gefieder
die Mailuft fährt den Paaren in die Glieder
in Hochsavoyen trinkt man öfters Cidre
des Schattens Hitze ist uns nicht zuwider
Freund Cautopates senkt die Fackel nieder
schönste Choräle singen böhmisch Brüder
gereimt Gedicht erscheint bisweilen bieder
‚es geht schon gut’: heißt fahrlässige Krida

KARSTEN KRAMPITZ
Zwei Dinge werden in Klagenfurt nie eine Perspektive haben: Fußball und Kommunismus.

Aus: „Das Europahaus“ in der Anthologie
„Drei Wege zum See oder Eine andere Stadt“, Drava-Verlag

LUDWIG LAHER
Am 52. März zwischen Mars und Jupiter in Klagenfurt
Ich trat gerade mit einem neuen Fair-Trade-Sommerhemd aus dem Weltladen an der Kreuzung 8.-Mai-Straße / 10.-Oktober-Straße im Herzen Klagenfurts und stellte mir plötzlich vor, alle Straßen dieser kleinen Großstadt wären nach allen Tagen im Kalender benannt. Und weil selbst Schaltjahre nicht ausreichen würden, ihr gar nicht so geringes Straßennetz abzudecken, müssten sich an der Peripherie natürlich auch eine 52.-März-Straße und eine 87.-Dezember-Gasse finden lassen. Damit das einen Sinn ergäbe, hätte die Erde freilich eine Umlaufbahn um die Sonne zu wählen, die irgendwo zwischen Mars und Jupiter anzusiedeln wäre. 

Eine andere Welt ist möglich! hatte es auf dem bunten Plakat im Laden geheißen, fiel mir jetzt wieder ein. Ich dürfte kurz geschmunzelt haben, bevor ich meinen Weg fortsetzte.

KATJA LANGE-MÜLLER
„Ja, kannst du denn nicht mal vorher nachdenken?!“, sagte das altkluge Kind zu mir und verstand nicht, dass ich über diesen Satz lauthals lachen musste.

HANNO MILLESI
Unmittelbar vor Anpfiff des Fußballmatches Autoren und Autorinnen gegen verschiedene Vertreter der Kulturpolitik (ich glaube, eine Vertreterin war nicht mit von der Partie) höre ich über die Trennwand in der Umkleidekabine hinweg jemanden von der gegnerischen Mannschaft zu einem seiner Teamkollegen sagen: „Ausgerechnet mich auf der linken Seite einzusetzen, grenzt ja beinahe an eine Zumutung, wo doch jeder weiß, dass ich eigentlich ein Rechtsaußen bin!“

BASTIAN SCHNEIDER
Kleines Klagenfurter Stilleben
Vor der Johanneskirche liegen zwei Penner ausgestreckt auf den grünen Holzbänken in der Sonne, ihre Füße einander entgegengestreckt. Mein Reich ist in der Luft, steht über dem Tor ein paar Schritte weiter. Ein Stahlseil klirrt an einem nackten Fahnenmast.

MATTHIAS SCHWEIGER
ein tanklaster nussöl
ist unterwegs zu dir
er wird dich finden
wo immer du bist

THOMAS STANGL
Ein Traum vom Bachmann-Wettbewerb: Die Lesungen verzögern sich, weil einer der Juroren – ein gewisser Kai-Uwe – andauernd Erstickungsanfälle erleidet. Ich bin sehr müde und gehe mittags hinaus, den Weg hoch durch das verschneite slowakische (wenn nicht polnische) Gebirgsstädtchen, wie im Meer das Wasser alles sich mischen zu sehen, hinter den Wolken dort wären andere Berge und Städte. Sie leuchten kurz hervor. Aber ich kehre um, und so beginnt das Unglück.

MICHAEL STAVARIČ
„Ein Brief von Gott, sagt sie. Hier, für dich. Bei einem der Aufgänge zur U-Bahn sei ihr eine Frau begegnet, die stand reglos in der Menge, und als sie an ihr vorbeiging, steckte ihr die Frau einen Brief zu und sagte: Das ist für ihn, von Gott. Und sie sagte auch noch: Er ist kein Gott! Und als wir später beim Kaffee saßen, erinnerte sie sich an den Brief und überreichte ihn mir mit beiden Händen. Ob ich überhaupt wisse, dass man die Dinge mit beiden Händen berühren muss, wenn sie einem wichtig sind, dass eine Hand nicht genüge, eine Hand in den Schritt zu legen, sei zu wenig, mit beiden Händen in die Vollen zu fassen, sie sagt: Das ist Entschlossenheit.“

Ich erinnere mich noch gut daran, dass dies eine der ersten Textpassagen war, die ich für meinen Auftritt beim Bachmann-Preis verfasste; da wusste ich allerdings noch keineswegs, dass daraus später ein ganzer Roman, Böse Spiele, werden würde. Entschlossenheit war das Zauberwort: Ich fuhr überaus entschlossen nach Klagenfurt, und dass es, knapp aber doch, für keinen Preis reichte, bekümmerte mich nicht allzu lange. Ich lernte dort Martin Hielscher vom Verlag C.H.Beck kennen, der mich sofort für sein Programm zu gewinnen suchte. Dein Text wird doch ein ganzer Roman werden, oder? wollte er wissen. Und ich antwortete damals: Jetzt schon.

CHRISTINA VIRAGH
Zu denken, dass unter Klagenfurt Feuer fließt, unterirdisch lodert ein Bach aus Feuer, oder soll man sagen wälzt sich, weil es vielleicht nicht Feuer ist, sondern rotglühendes Magma, das man in den Nächten früherer Jahrhunderte aus der Distanz schweigend beobachtete und natürlich Feuer nannte, den Feuerbach. Jetzt sieht man ihn kaum mehr, und wo doch, besteht er aus Wasser und ist nur ein Bach. Aber wer weiß, ob er nicht wieder zu Feuer wird, lodernd oder sich wälzend, dort, wo man ihn nicht sieht. Zu denken.

PETER WAWERZINEK
Mit den Augen hören, mit den Ohren lesen,
und die Lippen geschlossen mit der Stirn sehen,
so wird man zum Schreiberling, lässt die Finger
atmen, die Sinne tollen.