Meist interessanter als der Rest

Vermutlich muss man sich Manfred Lukas-Luderer, der im Jänner 70 wird, als glücklichen Menschen vorstellen.

Als im November Stefan Vögels Stück „Die Niere“ in der Neuen Bühne Villach Premiere feierte, saß nur der Regisseur Manfred Lukas-Luderer im Publikum. Ebenso bei den folgenden Aufführungen. Corona, komische Zeiten für Theaterleute. Aber immerhin wurde das Stück aufgenommen und als Livestream im Internet gesendet. „Das Ensemble war in Hochform“, sagt Lukas-Luderer. „Was soll ich vor mich hinjammern. Ich mache, was noch geht.“ Wie fast alle Kunstschaffenden stellt sich auch der Kärntner Schauspieler und Regisseur auf eine längere Eiszeit ein – ausgelöst durch Winter und Virus. Und wenn es am kältesten ist, feiert er seinen runden Geburtstag. Am 29. Jänner wird Lukas-Luderer 70 Jahre alt.

Für: Die Brücke, Dezember 2020

Der Mann entspricht beinahe klischeehaft dem, was man einen Charakterkopf nennt. Ein Hüne, dunkler Typ, kaum Haare am Kopf, kunstvoll zerfurchtes Gesicht. Der gebürtige Klagenfurter spielt melancholische Verführer, abgeklärte Lebensmenschen, Männer, die mehr verstanden haben als sie preisgeben. Immer ein wenig kaputt aber interessanter als der Rest. So war er schon vor 40 Jahren, als „Hanse“ im „Dorf an der Grenze“, einem jener Filme, die altern müssen, damit ihr Wert erkannt wird. Lukas-Luderer spielte einen slowenischen Bauern in den Wirren rund um Volksabstimmung und Zweiten Weltkrieg. Eine launige Figur, an der man sich reiben kann, die aber im Zweifelsfall auf der richtigen Seite steht. Als slowenische Partisanen zu Kriegsende einen alten Nazi erschießen wollen, stellt er sich dazwischen: „Recht wird nicht der haben, der angefangen hat. Aber der, der aufhört.“

Als der Mehrteiler ausgestrahlt wurde, hagelte es Proteste von Deutschnationalen. Lukas-Luderers Auto wurde demoliert, das seiner Frau auch. „Ich habe damals in Kärnten gelebt, man konnte mich nachts belauern“, erzählt er. Als er einige Zeit später in der Alpensage einen jungen Faschisten spielte, wurde er von denselben Leuten gefeiert, er bekam Anrufe: „So wollen wir dich haben, Hanse.“ Man machte keinen Unterschied zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle.

Man lebt nicht ungefährlich, wenn man sich
seiner rolle völlig ausliefert

Das schafft freilich auch Luderer nicht immer. Am schwierigsten sei es gewesen, als er in Graz Wallace Shawns Ein-Personen-Stück „Das Fieber“ aufführte: Den Monolog eines Sohnes aus gutem Haus, der in einem abgefuckten Hotelzimmer über alle Übel der Welt sinniert. Abend für Abend stand Luderer auf der Bühne, bis er die Aufführung vorzeitig abbrechen musste: „Die Alternative wäre gewesen, verrückt zu werden.“ Seine Rollen, meint er, seien für ihn Rettung und Untergang gleichermaßen. „Man lebt nicht ungefährlich, weil man sich völlig ausliefert.“ Er sei eben kein „Darstellungsbeamter“, der sich von der Bühnenfigur einfach distanzieren könne.

Wahrscheinlich muss man sich Manfred Lukas-Luderer bei aller Melancholie, die ihn unflort, dennoch als einen glücklichen Menschen vorstellen. „Ich konnte an mir arbeiten, mich entwickeln und musste nie alles spielen, was mir angeboten wurde.“ Nun schätzt er den Umgang mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen, in den letzten Jahren war er auch gemeinsam mit seinem jüngeren Sohn Clemens Lukas-Luderer auf der Bühne. Obwohl er eigentlich in Wien lebt, verbringt er den Corona-Lockdown in Villach, auf „Augenhöhe“ mit seinem Großpudel. Kärnten, sagt der Weitgereiste, sei halt doch ein recht feiner Ort zum Leben: „Bei allen Verzweiflungen, ich liebe dieses Land.“