Servus, Herr Präsident

SV St. Jakob im Rosental gegen den Wiener Sport-Club. Man braucht keine große Ahnung von Fußball haben, um zu wissen, dass das ein Gemetzel für die Kärntner wird. 1 : 18 sagen die Buchmacher. „Wurscht“, sagt Hannes Pečnik. „Ist ja auch ein verdammt starker Gegner. Brauch ma nix reden.“ Der Sponsor und Obmann des Südkärntner Landesligisten macht sich keine Hoffnungen. Mag das Kärntner Publikum vor dem Anpfiff im Hernalser Stadion noch so brüllen: „Hier! Regiert! Das Rosental!“ Es spricht Bände, dass die Wiener Fans darauf erst gar nicht reagieren. Sie lassen einen Joint herumgehen und grinsen.

Hier! Regiert! Das! Rosental! © Wolfgang Rössler

Die Wiener Kicker in den weißen Dressen spielen um den Einzug in die Bundesliga. Sie haben Wacker Mödling vier zu null geschlagen, Innsbruck zwei zu eins. Der kleine Verein aus dem Rosental ist für sie ein Jausengegner. Umgekehrt ist es für den SV St. Jakob eine Sensation, dass er in Wien spielt, es ist das erste Mal. Als Nummer vier der Kärntner Landesliga wurden sie den Profis aus Hernals zugelost. Es ist Pečniks Verdienst, dass sie jetzt in der Bundeshauptstadt Höhenluft schnuppern können.

Mit Vernunft hat das nichts zu tun

Hannes Pečnik

Einen Fußballmäzen stellt man sich anders vor: Als Unternehmer im fortgesetzten Alter, mit Geheimratsecken, Bierbauch und teurer Uhr am Handgelenk. Pečnik ist nichts davon. Athletische Statur, Sportdress, ein Hipsterbart, wie man ihn in vielleicht in Wien Neubau trägt, aber nicht im Rosental. Der 39-jährige führt einen kleinen Installateursbetrieb in St. Jakob als Ein-Mann-Unternehmen. Er hat zwei Kinder aus erste Ehe und kümmert sich außerdem noch um die beiden Sprößlinge seiner neuen Frau. Trotzdem hat er im Vorjahr weit über 10.000 Euro in den SV St. Jakob gebuttert, heuer werden es nicht viel weniger sein. „Mit Vernunft hat das nicht viel zu tun“, sagt Pečnik. „Ich bin ein Fanatiker. Fußball ist mein Leben.“

Inzwischen ist die erste Halbzeit fast herum, es steht drei zu null für die Wiener. Jetzt kassieren die Kärntner auch noch ein Foul. „Schwalbe!“, brüllen die Fans in Richtung des Schiedsrichters. „Der legt sich hin und du fällst noch darauf hinein. Du Blinder! Du Oaschloch. Deine Mutter schämt sich für dich.“ Pečnik grinst den Buben zu. Dann klingelt das Handy, es ist seine Schwester. Er schildert ihr das Drama. „Es ist halt eine Klasse Unterschied. Aber unsere spielen sehr brav. Nein, sie spielen wirklich sehr brav.“ Pečnik klingt wie ein nachsichtiger Vater, der sich den Glauben an die Großartigkeit seiner Kinder um nichts der Welt nehmen lassen möchte.

Das finale match findet nicht gegen den klub aus dem nachbarort statt. sondern gegen die champions league in der hosentasche

Wohltäter wie er gehören zu einer aussterbenden Art. Es ist vor allem für regionale Sportvereine in den letzten Jahren schwierig geworden, an Großsponsoren zu kommen. Die Zeiten, als es für Unternehmer zum guten Ton gehörte, für einen Präsidententitel oder einen Platz in der Ehrenloge Geld in den örtlichen Sportclub pumpen, sind nicht nur in Kärnten weitgehend vorbei. Nicht zuletzt die Königsdisziplin des Dorfsports – der Fußball – hat ihr Alleinstellungsmerkmal verloren. Denn das sportliche Angebot ist auch am Land gewachsen: Auch in kleinen Orten gibt es längst Judoclubs, Ballettgruppen und Fortnite-Bewerbe. Und eingefleischte Fußballfans können sich per Handy jederzeit Spiele auf höchsten Niveau ansehen. Das finale Match findet nicht gegen die Mannschaft aus dem Nachbarort statt. Sondern gegen die Championsleage in der Hosentasche.

Das wirkt sich auch auf den Werbewert aus. Das Sponsoring eines kleinen Sportvereins mag für ein Unternehmen noch nie eine lukrative Sache gewesen sein. Aber mit abnehmendem Interesse am regionalen Sport wird es zunehmend zur beinahe fahrlässigen Liebhaberei. Eine Spende im fünfstelligen Bereich für ein Firmenlogo am Trikot eines Vereins, der es kaum mit Foto in die Medien schafft: Das lässt sich in Zeiten strengerer Werbeetats kaum rechtfertigen. Da braucht es schon viel sportliche Leidenschaft. Oder eine ganz andere Motivation.

So wie bei Stefan Mathis, dem Gründer und Geschäftsführer des Sonnenschutzanbieters THM mit Standorten in Villach und Klagenfurt. Der Unternehmer ist seit 2016 Präsident des SV Rapid Feffernitz und zahlt jährlich einen höheren fünfstelligen Betrag für den kleinen Verein. Und das, obwohl Mathis mit Fußball kaum etwas anfangen kann. „Ich verstehe das als Investition in die Dorfgemeinschaft“, sagt er. Vor acht Jahren ist er mit seiner Familie in die kleine Gemeinde unweit von Villach gezogen. Der vermögende Zuzügler lebt in einem großen Haus, fährt ein nobles Auto. Das wird in einer kleinen Gemeinde genau beobachtet. „Die Leute könnten auch schlecht über mich reden“, sagt Mathis. So aber werde er auf der Straße und im Wirtshaus mitunter mit „Servus, Herr Präsident“ begrüßt. „Und wenn wirklich jemand über mich schimpft, dann gibt es genug andere, die widersprechen und mich in Schutz nehmen.“

Stefan Mathis © THM

Mit solchen Fragen muss sich Pečnik nicht beschäftigen. Er ist in St. Jakob aufgewachsen, am Bauernhof. Strenger Vater, Arbeiten seit er gehen kann. Vor Schulbeginn musste er in den Stall, am Nachmittag auf das Feld. Wenn dann noch Zeit blieb, verbrachte er sie am Fußballplatz. Mit 16 spielte er gegen den Willen des Vaters bei einem Match gegen die Mannschaft aus dem Nachbardorf. Dabei fiel er so unglücklich, dass er sich einen offenen Schienbeinbruch zuzog. Die Narben von den Operationen sieht man noch heute, es war ein Glück, dass sein Bein nicht amputiert werden musste. Damit war seine Karriere als Profifußballer zu Ende bevor sie begonnen hatte.

Als er sich mit 23 als Installateur selbstständig machte, erklärte man ihm im Ort für verrückt. Wo Pečnik herkommt, liebt man das Risiko nicht. Aber er zog sein Ding durch, irgendwann begann das Geschäft zu laufen. Vor ein paar Jahren fühlte der Sportdirektor des SV St. Jakob vor. Der Verein wollte ein fußballerisches Talent einkaufen. Marco Koller, einer aus dem Ort, der bei LASK Linz spielte, aber lieber zurück ins heimatliche Rosental wollte. Für 8.000 Euro wäre die Sache geritzt. Ob Pečnik ein bisschen Kohle erübrigen könnte? Der dachte eine Nacht lang nach. Dann traf der Installateur eine Entscheidung: Er berappte die gesamten Kosten für das Engagement des talentierten Jungspundes. Mit Koller an der Spitze begann für den SV St. Jakob der Aufstieg in die Landesliga. Pečnik wurde Vereinsobmann und Hauptsponsor.

In Wien soll seine Mannschaft noch zwei weitere Tore kassieren. Irgendwann gehen den Fans die Sprüche aus. Am Ende rufen sie den Sport-Union-Anhängern, die trunken vom dunklen Ottakringer-Bier und dem sich abzeichnenden Sieg immer lauter werden, bloß verzweifelt zu: „Haltets die Goschn. Haltets die Goschn.“ Die 5:0-Niederlage bleibt nicht das einzige Ärgernis des Abends. Auf der Autobahn erwischt der Busfahrer die falsche Abzweigung und fährt Richtung Linz. Erst nach einer halben Stunde bemerkt er den Fehler. Als Pečnik ins Bett kommt, dämmert es bereits. Ihm bleiben keine drei Stunden Schlaf, dann muss er auf eine Baustelle. Um 17 Uhr steht er wieder am Fußballplatz, diesmal in St. Jakob. Heute spielt hier der Nachwuchs gegen die Mannschaft aus dem Nachbarort. Am Rand stehen Mütter, Väter und ein paar Funktionäre. Pečnik ist blendend gelaunt, die Niederlage vom Vortag grämt ihn nicht. „Wir haben das erste Mal ÖFB-Luft geschnuppert“, sagt er. „Jetzt sehen wir weiter.“

Von einer solchen Chance kann SV Rapid Feffernitz, der Klub des Markisenherstellers Mathis nur träumen. Die Kicker in den grün-weißen Dressen spielen in der Unterliga und auch dort hatten sie zuletzt nur Pech. „Wir haben gerade wieder haushoch verloren“, sagt Mathis. Inzwischen hat sich der Präsident ein bisschen Wissen über Fußball angeeignet, mit seiner Tochter besucht er fast jedes Spiel. „Das Schöne ist, dass die Mannschaft kämpft. Und egal, wie hoch die Niederlage ausfällt, die Fans klatschen trotzdem.“

Das der name pečnik auf dem banner ohne den slowenischen háček geschrieben wird, ist kein zufall

Unterdessen ist der SV St. Jakob mit dem Obmann und Sponsor Pečnik binnen drei Jahren von der Unterliga in die Kärntner Liga aufgestiegen. Er verbringt beinahe jede freie Minute am Fußballplatz, plant, organisiert und kümmert sich um zusätzliche Sponsoren. Fußball sei keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens, meint Pečnik. Aber es geht auch bei ihm um mehr als bloß um die Leidenschaft für das runde Leder. Es geht darum, im Ort gemocht und akzeptiert zu werden.

Es ist kein Zufall, dass der Name Pečnik auf den Trikots der Spieler und auf den Bannern rund um den Fußballplatz ohne den slowenischen Háček geschrieben wird.

Pečnik spricht kaum mehr als ein paar Brocken Slowenisch. Aber sein Vater und seine 92-jährige Großmutter unterhalten sich nur in der zweiten Kärntner Sprache. In der Hauptschule, sei es ihm wichtiger gewesen, Englisch zu lernen. „Leider, so war es“, sagt er. Damals regierte in Kärnten Jörg Haider, der Kärnten „einsprachig“ machen wollte und verhinderte, dass am Ortsschild von St. Jakob im Rosental auch Šentjakob v Rožu stand. In diesem Klima war ein Jungunternehmer, der sich die Kundschaft nicht aussuchen konnte, war gut beraten, seine slowenischen Wurzeln nicht zu betonen. Also musste der Háček dran glauben.

Inzwischen hat sich in Kärnten viel getan. Die Ortstafel in St. Jakob ist zweisprachig, das Klima zwischen den Volksgruppen hat sich entspannt. Aber ganz weg sind die antislawischen Ressentiments nicht und Pečnik will keinen vergraulen. Dabei würde er gerne mehr als Fußball machen. „Ich habe mir immer wieder überlegt, in die Gemeindepolitik zu gehen“, sagt Pečnik. Aber dann müsste er sich einer Partei anschließen, die für etwas steht, was manche gut finden und andere ablehnen. Wer in einem Dorf politisch Position bezieht, muss damit rechnen, Freunde zu verlieren. Und als Unternehmer womöglich Kunden. Da lieber Fußballvereinsobmann.

Wenn der SV St. Jakob spielt, sind politische Gegensätze aufgehoben. Dann stehen linke Studenten, die aus Wien zum Heimaturlaub ins Rosental gekommen sind, friedlich neben FPÖ-Funktionären. Das Schönste am Fußball, meint Pečnik, sei die Gemeinschaft – am Spielfeld wie auf der Tribüne. Zwei Halbzeiten lang ist die Welt in Ordnung. Auch wenn am Ende eine Niederlage steht.