schluss mit der Wahrheit! Hört endlich auf mit der Wahrheit!

Der knackige Sager von Ingeborg Bachmann ziert Buchumschläge und Bronzetafeln: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Bloß: Welche Wahrheit?

Mitte Juni trendete der Hashtag #tddl wieder auf Twitter und Instagram, mit Fotos von Lendhafen und Mittelsteg am Strandbad. Die Tage der deutschsprachigen Literatur sind coronafest und sie bringen nicht bloß in der Kleinen Zeitung Doppelseiten. „Eine schöne Utopie des Gegenwartspessimisten“ nennt die NZZ in Zürich das Bachmann-Preislesen. „Hochverdient“, so urteilte die Frankfurter FAZ, habe Nava Ebrahimi am Ende den begehrten Preis bekommen. Sie habe am besten von allen zu Papier gebracht, was ihr so durch den Kopf geht.

Erschienen in: Die Brücke, August 2021

Applaus, Kamera aufs Publikum, Nahaufnahme Politikerinnen und Politiker aus K., deren Outlook-Kalender für die Schlussphase des Events geblockt wurde. Es geht auch um die touristische Außenwirkung. Bachmann kennt man eben, auch in Basel oder Düsseldorf. Und im Gegensatz zu Robert Musil hat sie der Nachwelt einen richtig starken Sager hinterlassen, kurz und knackig, er macht sich gut in Interviews, es gibt einen Tschippel Bronzetafeln damit: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Wahrheit ist zu einem kampfbegriff der dummschwätzer mutiert

Ist sie das? Darf man den Karoträger neben sich im ORF-Aufnahmezentrum auf seinen Mundgeruch ansprechen? Darf man darauf hinweisen, dass die Glan nicht der Tiber ist, der Alte Platz nicht die Piazza Navona? Darf man feststellen, dass es sich ausgewahrheitet hat, wenn rabiate Gegner der Corona-Impfung die berühmte Dichterin zitieren: „Leute, wacht auf! Man pflanzt euch 5G-Chips ein! Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!“ Die Wahrheit ist, dass „Wahrheit“ zu einem Kampfbegriff der Dummschwätzer mutiert ist.

„Schluß mit der Wahrheit. Hört auf mit der Wahrheit, hört endlich auf mit der Wahrheit“, schreit Oberlandesgerichtsrat Anton Wildermuth, ehe er einen Nervenzusammenbruch erleidet. Er soll einen Vatermörder verurteilen und weiß nicht, wie er mit ihm verfahren soll, weil er der Wahrheit ebenso wenig beikommt wie sich selbst. Bachmanns Erzählung „Wildermuth“ wurde 1961 veröffentlicht, im Band „Das dreißigste Jahr.“ Die Schriftstellerin wusste wohl selbst am besten um die Wahrheit: Dass es mit ihr nicht einfach ist. Sie ist vielgestaltig und schillernd, sie eröffnet mindestens 288 unterschiedliche Zugänge. So wie Ingeborg Bachmann.

Wer versucht, sie in ihrer Heimatstadt Klagenfurt als Denkmal posthum wiedereinzubürgern, die lebenslang Fliehende auf einem Betonsockel festzuschrauben, wird scheitern wie Wildermuth. Wenn man es wahrhaft ernst meint mit der Würdigung, muss man die Sache anders angehen. Vielleicht so wie Armin Guerino und Gerhard Fresacher, deren „Ingeborg-Bachmann-Kuppel“ in diesen Wochen auf Schloss Saager bei Grafenstein zusammengefügt wird. Im September soll sie am Neuen Platz vor dem Rathaus aufgestellt werden, ein kleines, begehbares Pantheon mit einem Durchmesser von sechs Metern, mit zwölf Toren und 288 Spiegeln am Dach, die Buchdeckeln nachempfunden sind und den „Himmel einfangen sollen“, wie es Guerino ausdrückt.

Armin Guerino

Mit der Kuppel beschreiten die Künstler Neuland. „Wir begeben uns bewusst auf Glatteis“, sagt Guerino. Auch das sei eine Hommage an Bachmann, die bald nach dem Krieg nicht nur Klagenfurt verlassen hat, sondern auch die ausgetretenen Pfade der Literatur. „Ingeborg Bachmann stand für das Neue, Offene.“ Und diese Offenheit für die Wandelbarkeit der Welt soll sich in der Skulptur buchstäblich spiegeln: „Die Kuppel interagiert mit dem Umfeld: mit dem Wetter, den Gebäuden, den Menschen.“ Die Buchdeckel aus Edelstahl spiegeln auch nach innen, das altvertraute Gesicht aus dem Badezimmerspiegel wird plötzlich neu reflektiert. Alles eine Frage der Perspektive. „Mit der Veränderung fragmentiert sich das Umfeld, die Wirklichkeit setzt sich wieder neu zusammen“, sagt Guerino.

Noch ist nicht ganz sicher, wie lange die Kuppel am Neuen Platz stehen wird. Dauerhaft jedenfalls nicht: Irgendwann soll sie nach Wien übersiedeln, dann nach Ljubljana, später vielleicht sogar nach Rom. Guerino sieht die Kuppel als „Sonde“ auf Wanderschaft, eine Installation, die sich an jedem Ort verändert und die jeden Ort durch ihre Spiegelung der örtlichen Wahrheiten verändert. Es mag sie geben, die Wahrheiten und sie sind zumutbar. Nur greifen lassen sie sich selten.