Wien ist anders. Als Paris, beispielsweise. Warum die Autos dort noch immer Vorrang haben

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Vor zwei Jahrzehnten kamen regelmäßig Delegationen aus Paris in die Bundeshauptstadt, um sich zum Thema Klimaschutz inspirieren zu lassen. Heute ist die Metropole an der Seine Vorreiterin der Verkehrswende, während Wien ins Hintertreffen gerät. Und das, obwohl die Erderwärmung immer mehr Menschen arg zu schaffen macht. Ist der Grund wirklich bloß die Angst der regierenden Roten vor der Autofahrerpartei FPÖ?

N DER FRISCHEN LUFT der Tiroler Berge, beim Forum Alpbach, brach Felix Slavik mit einem Grundsatz, der die Verkehrspolitik im roten Wien der Nachkriegszeit geprägt hatte: dass eine anständige Großstadt vor allem autogerecht zu sein habe. Er verkündete: „Es ist eine Tatsache, dass Stadtautobahnen die Urbanität einer Stadt wie Wien zerstören.“

Das war im Spätsommer 1972. Der Sozialdemokrat Slavik, ein verdienter Widerstandskämpfer gegen die Nazis, war keine zwei Jahre zuvor Bürgermeister geworden. Und er hatte fast von Anfang an nichts wie Ärger. Etwa, weil das damals neue Nachrichtenmagazin profil Schweinereien bei einer städtischen Wohnbaugenossenschaft aufgedeckt hatte. Slavik selbst kam wegen persönlicher Kredite unter Druck, ebenso der Gemahl seiner Cousine. In einer Kurzschlussreaktion erwirkte er eine Beschlagnahmung des Magazins. Was eine ziemlich dumme Idee war, weil danach erst recht alle darüber sprachen.

Da waren die frechen Journos, die bei den städtischen Finanzen herumschnüffelten. Und dann noch die frühen Ökos, die gegen den Gestank und den Lärm der Autos demonstrierten und dagegen, dass diesen immer mehr öffentlicher Raum zugewiesen werden sollte. Auch die Kronen Zeitung war damals auf der Seite der Umweltbewegten.

ES GING UM EIN Prestigeprojekt des Rathauses, das bereits in Vorbereitung war: eine Gürtelautobahn, die, von Westen kommend, mit einigen Abzweigungen die Stadt queren sollte. So machte man das damals in vielen Großstädten. Die Vorbilder waren Berlin, London und nicht zuletzt die französische Metropole Paris. „Die Stadt muss sich dem Auto anpassen“, deklamierte Staatspräsident Georges Pompidou damals. Eine der damals gebauten Schnellstraßen durch Paris wurde später nach ihm benannt. Dass am Platz vor der damals schon völlig verrußten Kathedrale Notre-Dame langhaarige Hippies dagegen demonstrierten, juckte die Stadtoberen wenig.

Aber Wien war anders. Slavik suchte einen politischen Befreiungsschlag, er stoppte die Bauarbeiten. Die Leute sollten über etwas anderes reden als über Korruption und politische Misserfolge. Obwohl seine Ankündigung damals eine große Sache war, berichtete die sozialistische Arbeiterzeitung tags darauf nur ganz kurz darüber — ohne große Begeisterung. Wirklich mehrheitsfähig war Slaviks verkehrspolitische Volte bei der SPÖ nämlich nicht.

ERST JAHRE SPÄTER sollte sich herausstellen, dass der an sich recht biedere Bürgermeister damals einen verdammt guten Riecher gehabt hatte. Während Berlin, London und Paris im Smog erstickten, blieb die Luft in Wien fast so rein wie das Hochquellwasser aus den steirischen Bergen. Auch das trug dazu bei, dass die Bundeshauptstadt regelmäßig zur lebenswertesten Metropole der Welt gekürt wurde und wird.

WOHLGEMERKT: Nicht, weil die bis heute im Rathaus regierenden Roten einen besonderen Sinn für Umwelt- und Klimaschutz hätten. Sondern, weil deren Mann im Rathaus von Skandalen ablenken wollte. Ohne großen Erfolg übrigens. Im Jahr darauf musste Slavik auf Druck der Partei abdanken. Heute erinnern ein paar asphaltierte Geisterrampen am Stadtrand an die geplante Autobahn. Und eine Straße in Floridsdorf an den unfreiwillig grünen Sozi im Wiener Rathaus. So richtig stolz sind die Genossinnen und Genossen bis heute nicht auf ihn.

Und das ist ein Schicksal, das nicht wenige umweltbewusste rote Politiker und Politikerinnen der jüngeren Vergangenheit teilen. „Der Einsatz für den Klimaschutz kann ein Karrierekiller sein“, sagt Gerhard Zatlokal, der von 2008 bis 2022 Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus war und einige ökologische Projekte gegen den Willen des Rathauses umsetzte. Heute hat er bei den Grünen eine weitaus bessere Nachrede als bei seinen eigenen Leuten. Auch andere, die sich für die SPÖ auf Bezirksebene engagierten und für Klimaschutz brannten, erzählen Ähnliches. Aber die meisten wollen das nicht öffentlich sagen.

WAS SICH JEDENFALLS sagen lässt: 54 Jahre nach Slaviks bahnbrechendem Paradigmenwechsel in der Verkehrspolitik gehört Wien heute nicht mehr zu den fortschrittlichen Metropolen, was den Klimaschutz betrifft. Man profitiert vom Wind, der zwar furchtbar nervig sein kann, aber immerhin die Abgase verbläst. Und von wegweisenden Entscheidungen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Aber von mutigen Maßnahmen kann heute keine Rede mehr sein. Undenkbar, dass man in Wien den Autofahrerinnen und Autofahrern sinnlose Fahrten ernsthaft madig macht. Durch die Sperrung von Straßenzügen für den Autoverkehr, flächendeckendem Tempo 30 oder Parkgebühren in der Innenstadt, die wirklich weh tun.

So wie das in vielen anderen europäischen Metropolen seit einigen Jahren geschieht.