„Lei lossn”: Warum eine Brücke in Kärnten noch immer nach Jörg Haider benannt ist

© Wolfgang Rössler

Die FPÖ wurde in Österreichs südlichsten Bundesland abgewählt. Doch Jörg Haider behalten die Kärntner trotz Hypo in guter Erinnerung. 

Die Nieten haben dem Unfug auf der Jörg-Haider-Brücke vorläufig ein Ende gesetzt. Bis vor einigen Monaten war das blaue Schild mit dem Namen des verstorbenen Landeshauptmannes von Kärnten bloß durch gewöhnliche Schrauben befestigt. Ein Zwölferschlüssel und das Ding war im Handumdrehen abmontiert.

erschienen in leicht geänderter Form in NEWS, Ausgabe 48/2016

Regelmäßig mussten Straßenarbeiter aus dem 20 Kilometer entfernten Lavamünd mit einer neuen Haider-Tafel ausrücken, weil die alte schon wieder gefladert worden war. Keiner der Unholde wurde je ausgeforscht. Waren es Anhänger des Politikers, die sich ein Andenken sichern wollten? Oder Gegner, die die Tafel mit dem Namen des erfolgreichsten FPÖ-Politikers aller Zeiten in die Drau schleuderten? Man weiß es nicht. Fest steht, dass die Tafel-Diebe hartnäckig sind. Auch an den Nieten haben sich sich zu schaffen gemacht – wenn auch ohne Erfolg.

Kärnten ist das einzige Bundesland, in dem die Partei von Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer bisher nicht nur mitregierte, sondern selbst die Zügel in der Hand hielt. 14 Jahre lang hatten in Kärnten die Freiheitlichen das Sagen. Jörg Haider, der populärste FPÖ-Chef der Geschichte, wurde 1999 in Klagenfurt zum Landeshauptmann gewählt. 2006 gründete er das BZÖ, eine Art FPÖ light. 

Nach Haiders Tod 2008 vereinte Nachfolger Gerhard Dörfler das orange BZÖ wieder mit der blauen Mutterpartei. 2013 wurde er als Landeshauptmann krachend abgewählt. Auf das Konto Haiders und seiner Getreuen geht der größte Finanzskandal Österreichs: Die Milliardenhaftungen für die einstige Landesbank Hypo-Alpe Adria brachten Kärnten an den Rande des Ruins und drückten die Bonität der ganzen Republik. Seit drei Jahren führt in Klagenfurt der Sozialdemokrat Peter Kaiser eine rot-schwarz-grüne Dreierkoalition an. Die Kärntner, dachten viele zunächst, hätten fürs Erste genug vom Populismus.

Doch weit gefehlt. Bei der Präsidentschaftswahl am 4. Dezember holte Hofer in Kärnten 56,6 Prozent. Auch wenn sie nicht mehr mitregieren, sind die Freiheitlichen in Kärnten immer noch stärker in der Bevölkerung verwurzelt als anderswo. 

Besonders deutlich wird das daran, dass die zweitgrößte Brücke des Landes nach Jörg Haider benannt ist – und kaum jemand in Kärnten etwas daran findet. Bald nach dem Tod des Rechtspopulisten taufte dessen Nachfolger Dörfler die hundert Meter hohe und 450 Meter lange Lippitzbachbrücke eigenhändig um. Nirgendwo anders in Österreich gibt es ein Bauwerk dieser Größenordnung, dass einem Politiker gewidmet ist. Erst recht nicht einen, der der Bevölkerung ein derartig giftiges Erbe hinterlassen hat wie Haider.

Wäre er noch am Leben, hätte er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Haftstrafe verbüßen müssen. Daran ließ der Klagenfurter Richter Manfred Herrnhofer keinen Zweifel, als er Haiders ÖVP-Spezi Josef Martinz 2012 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verdonnerte. Herrnhofer sah es als erwiesen an, dass die beiden im Zuge des Verkaufs der Hypo an die bayerische Landesbank Gelder an ihre Parteikassen abzweigen wollten. Und das, erklärte der Richter, sei wohl Haiders Idee gewesen. Er verurteilte den Toten symbolisch mit.

Damals, im Sommer 2012, als in Kärnten eine Demonstration gegen die Freiheitlichen die andere jagte, lehnte sich der Sozialdemokrat und stellvertretende Landtagspräsident Rudolf Schober besonders weit aus dem Fenster. Die Brücke müsse umbenannt werden, befand er. „Man muss sich geradezu schämen für diesen Namen, wenn man betrachtet, was dieser Mann alles getan hat.“

Heute möchte Schober mit seinen damaligen Aussagen nicht mehr konfrontiert werden. „Ich habe dazu nichts zu sagen. Das Thema ist abgehakt.“ Auch Landeshauptmann Peter Kaiser will von einer Umbenennung nichts wissen: „So etwas würde mir nie einfallen. Das ist nicht der Stil, mit dem ich Vergangenheitsbewältigung betreibe.“ 
Etwas differenzierter sieht man das bei den Grünen: „Natürlich sollte man die Brücke umbenennen“, sagt eine Abgeordnete. „Aber noch nicht jetzt.“ Noch gebe es zu viel Haider-Verklärung. Also lautet die Devise in Klagenfurt: „Lei lossn.“ Soll heißen: Bloß keine schlafenden Hunde wecken.

Egal, was er getan hat: Haider bleibt in Kärnten für viele ein Idol. Immer noch versammeln sich jedes Jahr zu seinem Todestag dutzende Anhänger zur Gedenkfeier in Lambichl. Dort Haider 2008 mit seinem Dienstwagen tödlich verunglückt. Zuvor hatte er in einer Schwulenbar einen über den Durst getrunken. Der BZÖ-Chef hatte 1,8 Promille Alkohol im Blut und wollte mit weit überhöhter Geschwindigkeit das Auto vor ihm überholen. Darin saß eine junge Mutter.

Das wollen viele in Kärnten immer noch nicht glauben. Auf Webseiten und Facebookgruppen blühen Verschwörungstheorien: Mächtige Gegner hätten Haider aus dem Weg geräumt. Solche Theorien werden auch auf einer Facebook-Seite mit dem Namen Finger weg von der Jörg Haider Brücke gewälzt, die mehr als 2.100 Usern gefällt. Die Administratoren lehnten ein Interview ab.

© Wolfgang Rössler

Auch in Lippitzbach, wo die Brücke steht, will sich keiner groß zu dem Thema äußern. Die Brücke verbindet den wirtschaftlich benachteiligten Süden mit dem Rest des Landes. Auf beiden Seiten dominieren Raps- und Maisfelder. Ein alter Bauer pflügt mit einem bauchigen Traktor den Acker. „Haider hat die Brücke gebaut. Wozu sie jetzt umbenennen?“, fragt er.

Selbst Kritiker Haiders zollen Respekt für den Bau der monumentalen Brücke. Mit dem 2005 eröffneten Bauwerk war ihm etwas gelungen, worüber seine Vorgänger jahrzehntelang nur geredet hatten. Zuvor mussten die LKWs der umliegenden Betriebe lange Umwege in Kauf nehmen, um Güter zur nahen A2 zu bringen. Arbeiter kamen nun schneller zur Arbeit. Durch die neue Brücke konnten sie in der Früh eine Viertelstunde länger schlafen.

„Die Brücke ist das einzig Sinnvolle, was Jörg Haider jemals gemacht hat“, sagt Robert Orieschnig. Der junge Ingenieurgeologe und SPÖ-Gemeinderat im nahen Griffen ist dennoch einer der wenigen, die sich offen für eine Umbenennung aussprechen. „Ich würde das unterstützen. Man könnte ja dafür das Wörthersee-Stadion nach ihm benennen. Ein leer stehendes Monument, das hundert Millionen Euro gekostet hat und das niemand braucht. Das würde passen.“

Aber mit dieser Forderung steht Orieschnig in Kärnten ziemlich alleine da.