Vordergründig geht es um nationale Souveränität und christliche Werte. Aber dahinter steckt knallharte Machtpolitik aus Washington.
Es war gut gemeint, aber der Schuss ging gewaltig nach hinten los. Für Klaus Schwab, den greisen Wirtschaftsgelehrten, der vor mehr als einem halben Jahrhundert das World Economic Forum im schweizerischen Davos gegründet hat. Wie gesagt, Herr Schwab hatte bestimmt lautere Absichten, als er dort eine große Denkschrift vorstellte. Im Juni 2020, das war der erste Corona-Sommer.
Die meisten von uns haben es vermutlich schon verdrängt: ausgeräumte Regale im Supermarkt, die Masken, Zoom-Konferenzen mit Leuten, die schon am Nachmittag einen sitzen hatten. Und: „Die nächsten Wochen werden entscheidend sein.“ Aus heutiger Sicht waren die Maßnahmen sicher im Großen und Ganzen gerechtfertigt. Aber ein Teil der Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt schon verdammt grantig auf die da oben. Und der Druck im Kessel sollte noch gewaltig steigen. Auch wenn es im Sommer eine Atempause gab.
Denn mit den steigenden Temperaturen sank die Ansteckungsgefahr. Man konnte wieder ins Kaffeehaus gehen, Leute treffen. Auch in Davos war das meiste wie immer. Schwab hielt seine Rede vor einflussreichen Menschen aus Wirtschaft und Politik. Man sollte doch, argumentierte er, die Corona-Krise als Chance begreifen. Und zwar für einen grundlegenden Umbau der weltweiten Ordnung: mehr Gerechtigkeit, mehr Tempo beim Kampf gegen den Klimawandel. Schwab hatte eine kühne Idee: alles zurück auf Werkseinstellung, dann besser machen. Der Titel seines Thesenpapiers lautete: „The Great Reset“.
Oh boy, das war ein Fehler.
The great Reset: Das klang nach einer Verschwörung der Eliten gegen die einfachen Leute. Daraus wurde eine Propagandaerzählung, die sich nicht mehr einfangen ließ. Dabei wurde auf YouTube und auf Telegram-Kanälen gelogen, dass sich die Balken bogen. Schwab sei ein Vertreter dunkler Mächte, die alle Leute auf dem Planeten genetisch umprogrammieren wollten. Um sie gefügig zu machen. Als eine Weile später die ersten Impfstoffe auf den Markt kamen, gewann die Legende an Fahrt. Auf einmal hieß es, dass man den Menschen mit der Spritze die Sinne vernebeln wollte. Diktatur!
Diese Diskussionen wurden auch in den USA geführt. Dort hatten Leute, die nicht an die Gefährlichkeit von COVID-19 glaubten und sich auf gar keinen Fall impfen lassen wollten, eine mächtige Fürsprecherin. Die erzkonservative und schwerreiche Heritage Foundation kapitalisierte den Zorn und unterstützte Impfgegnerinnen und Impfgegner mit Argumenten, rechtlichem Beistand und dubiosen Attesten, die mehr oder weniger gratis verschickt wurden.
Sie verbreitete die Schwurbelei vom The Great Reset nicht aktiv weiter, aber sie spielte damit und profitierte davon. Weil sie so eine ganz neue Klientel erreichte, die sich bisher nicht für die Themen der Heritage Foundation interessiert hatte: Abtreibungsverbot, keine Homo-Ehe, Frauen besser an den Herd. Auf einmal fanden auch linke Querköpfe die Organisation ganz okay. Und diese gewann damit an Einfluss.
DIE HERITAGE FOUNDATION formulierte später Project 2025 — Donald Trumps Drehbuch für den Umbau der USA in eine gelenkte Demokratie mit autokratischen Zügen. Und vor einem Jahr half sie zwei rechten Denkfabriken in Ungarn und Polen, eine Art europäisches Project 2026 zu formulieren zur Zerstörung der EU.
Titel des Werks: The Great Reset
