Medien versuchen dem verständlichen Wunsch nach Einordnung und Klarheit beim schlimmsten europäischen Krieg seit 1945 Rechnung zu tragen. Aber dabei können sie nur verlieren – nicht zuletzt an Glaubwürdigkeit. Warum wir alle lernen müssen, mit den vielen Ungewissheiten unserer Zeit umzugehen.
Am 24. FEBER 2022 wurde im Nationalrat beschlossen, dass die Staatsanwaltschaft gegen ÖVP-Klubobmann August Wöginger ermitteln darf. Wegen Postenschacher. Außerdem sollte es eine weitere Corona-Impfkampagne um viele Millionen Euro geben. Und die SPÖ wollte über Datenschutz im Homeoffice reden. Das Wetter war wieder einmal viel zu warm für die Jahreszeit. Der Klimawandel ließ grüßen.
Aber all das interessierte an diesem Tag keinen Menschen. Ich weiß noch, dass ich aufwachte, ehe der Wecker klingelte. Ein Freund hatte um Dreiviertel sechs eine WhatsApp geschickt. Dann noch ein paar. „Der Wahnsinnige hat es wirklich getan“, stand einer Nachricht. Dazu einige Links, beispielsweise zu einem Liveticker von CNN über den „Konflikt“ zwischen der Ukraine und Russland.
AUS DEM Konflikt wurde in den Stunden darauf ein Krieg und fortan wurde Russland zuerst genannt — als Angreifer. Zumindest in westlichen Medien. Der Diktator Wladimir Putin spricht heute noch von einer militärischen Spezialoperation. Wer als einfacher Mensch in Russland den Krieg einen Krieg nennt, riskiert viele Jahre Haft im Straflager.
DIKTATOR PUTIN HATTE die Vollinvasion der Ukraine befohlen. Kyjiw, Charkiw, Odessa, Dnipro, Mariupol und zahlreiche andere Städte standen unter heftigem Beschuss. Der Frachtflughafen von Kyjiw war bereits in der Hand der Angreifer, von Belarus her rollten russische Panzer in Richtung der ukrainischen Hauptstadt. Man war sich hierzulande ziemlich einig: Putin würde kaum mehr als 72 Stunden brauchen, um seine „Spezialoperation“ erfolgreich zu Ende zu bringen und das kleinere Nachbarland zu unterwerfen. Das war die erste Fehleinschätzung. In den kommenden viereinhalb Jahren sollten noch zahlreiche andere folgen.
So lange dauert der schlimmste Krieg auf europäischem Boden seit 1945 schon. Er hat mindestens eine halbe Million Menschen das Leben gekostet — wobei die Zahl der russischen Toten etwa dreimal so hoch ist wie jene der ukrainischen. Noch schlimmer ist es, wenn man zu den Gefallenen auch noch die Schwerverwundeten dazuzählt und jene Menschen, die vermisst sind. Dann kommt man auf bis zu 1,3 Millionen Menschen auf russischer Seite und bis zu 500.000 auf ukrainischer. Um das zu verdeutlichen: So viele Menschen leben in Wien. Oder in Lettland.
ETWA 6,5 MILLIONEN Ukrainerinnen und Ukrainer sind in den Westen geflohen, dazu kommen weitere Millionen Binnenvertriebene im eigenen Land. Weite Teile des Landes sind vermint, rund ein Siebtel des Wohnraums zerstört. Würde man heute mit dem Wiederaufbau der Ukraine beginnen, müsste man dafür fast 600 Milliarden Euro auftreiben. Unterdessen blutet auch Russland finanziell aus: Allein laut offiziellen Angaben betragen die Kosten für den Angriffskrieg bisher an die 130 Milliarden Euro, dazu kommen massive wirtschaftliche Einbußen und nicht zuletzt der Verlust von 300 Milliarden, die auf europäischen Konten lagern und eingefroren wurden. Beide Länder werden Jahrzehnte unter den Folgen zu leiden haben. Wenn Putin schon längst das Zeitliche gesegnet haben wird.
UND DAS SIND NUR die nackten Zahlen. Was sich niemand hier vorstellen kann, ist die Realität des Krieges. „Für uns sind täglicher Luftalarm, Drohnenangriffe, zerstörte Häuser oder Angehörige an der Front Teil des Alltags“, schreibt Karina Beiglzimer in einer WhatsApp-Nachricht. Die Journalistin und Deutschlehrerin lebt in Odessa, wo ich sie vor einigen Jahren kennengelernt habe. In der Kleinen Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihren Alltag während des Krieges.
DER TECHNOKRATISCHE Ton mancher Berichte hier bei uns irritiere viele ihrer Landsleute, erzählt sie. Weil der Krieg ganz abstrakt aus geoplitischer Perspektive betrachtet werde. Weil kaum noch vom menschliche Leid erzählt werde. Stattdessen über Waffenlieferungen, politische Strategien oder die Frage, wer nun gerade in einer besseren Position sei. An der Front.Diese Form der Berichterstattung ist in doppelter Hinsicht gefährlich. Weil sie zum einen den ganz realen Horror des Krieges weitgehend ausklammert. Und weil sich die Stoßrichtung dauernd ändert. Beziehungsweise das, was nach Lektüre eines Artikels als Schlussfolgerung hängen bleibt:
„Die Ukraine hat keine Chance.“
„Auf lange Sicht hat die Ukraine keine Chance.“
„Die russische Armee ist unbesiegbar.“
„Die Sanktionen werden Russland bald in die Knie zwingen.“
„Die Sanktionen gegen Russland haben nichts gebracht.“
„Es wird nie einen Aufstand gegen Putin geben.“
„Den Aufstand der Wagner-Truppe wird Putin nicht überstehen.“
„Wenn Donald Trump gewählt wird, ist alles aus.“
„Das schnapsen sich Putin und Trump aus.“
„Die Ukraine kann den Krieg nicht gewinnen.“
„Die EU hat nichts mehr zu melden.“
„Die EU ist wieder im Spiel.“
