Wenn es um die Gesundheitspolitik geht, pfeift Landeshauptmann Hans Peter Doskozil auf die Vorgaben des Bundes. Ob das nun eine Herzchirurgie im kleinen Oberwart ist oder ein neues Spital im Natura-2000-Gebiet. Letzteres wird auf Grundlage eines Gutachtens gebaut, das Doskozil mit eigenwilligen Begründungen unter Verschluss hält.
DER ONKOLOGE ANDREAS DIETZ gehört zu den führenden Fachleuten für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im deutschen Sprachraum, seit mehr als 20 Jahren ist er der ärztliche Direktor der HNO-Universitätsklinik in Leipzig. Im Burgenland ist sein Name vielen geläufig, weil er Hans Peter Doskozil behandelt. Der Landeshauptmann leidet an einer äußerst seltenen Erkrankung des Kehlkopfes, die ihm das Sprechen schwer macht. Es gibt immer wieder Komplikationen, die seine Amtsführung beinahe verunmöglichen. Dann weiß Doktor Dietz, was zu tun ist.
Es ist kein Geheimnis, dass sich die beiden Männer im Laufe der Jahre angefreundet haben, dass es ein Vertrauensverhältnis zwischen ihnen gibt. Wenn Doskozil in gewissen gesundheitspolitischen Fragen unschlüssig ist, hält er sich gerne an Dietz. Schließlich ist der Landeshauptmann persönlich für die burgenländischen Spitäler zuständig. „In vielen Gesprächen mit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil hat er dazu beigetragen, den derzeitigen Offensivkurs im burgenländischen Gesundheitswesen einzuschlagen“, heißt es in einer Aussendung der Landesregierung vom Dezember 2025.
DAMALS WURDE DIETZ das Komturkreuz verliehen — die höchste Auszeichnung, die das kleine Bundesland zu vergeben hat. Die Ehre wird Burgenländerinnen und Burgenländern zuteil, die sich um ihre Heimat besonders verdient gemacht haben. Und dem Leipziger Leibarzt des Landeshauptmannes.
N DEM MIT RUND 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bevölkerungsärmsten Land Österreichs gelten besondere Regeln. Der Schriftsteller Clemens Berger — ein gebürtiger Oberwarter — hat da so eine Theorie über das Burgenland, das erst seit 105 Jahren ein Teil von Österreich ist. Er drückt sich gepflegter aus, aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass es ein ziemlicher Mischmasch ist: von Leuten, die Deutsch sprechen, Ungarisch, Kroatisch, Romanes. Oder ein wenig von allem. Die sich zum katholischen oder protestantischen Glauben bekennen, zu gar keinem oder ein wenig zu allem. Die sich mit der Sozialdemokratie identifizieren, mit dem Konservativismus, mit dem Rechtspopulismus oder ein wenig mit allem.
Das Burgenland, schreibt Berger, sei zweifellos bereits Balkan. Ich zitiere aus einem Essay, den er vor einigen Jahren für die Wiener Zeitung geschrieben hat: „Ein Gerücht von Vermischtheit, vom Brodelnden, vom Durcheinander der Stimmen, Klänge und Kulturen, von Rechtlosigkeit oder sehr dehnbaren Gesetzen, von einer gewissen Lockerung im Verhältnis zur Welt, die ohnehin ernst genug ist, von einer gewissen Nachlässigkeit, die Renitenz heißt, von Leidenschaften, die höchst ungern verborgen werden.“
IM BURGENLAND, MEINT er, sei eben alles irgendwie recht ungefähr. Auge mal Pi, sozusagen, Hauptsache die Richtung stimmt grob. Es ist wohl kein Zufall, dass die Autobiografie von Hans Peter Doskozil „Hausverstand“ heißt. Darin erzählt er auch offen, dass er als junger Mann sehr beeindruckt war vom 2008 verstorbenen rechtspopulistischen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider. Auch der fühlte sich pudelwohl im Brodelnden, im Dehnbaren. Wen interessiert es da, was irgendwelche Fachleute zu sagen haben — erst recht, wenn sie von Wien aus ihre Urteile fällen.
Zum Beispiel zur neuen Herzchirurgie in Oberwart. Das ist die mit nicht ganz 8000 Einwohnerinnen und Einwohnern drittgrößte Stadt im Burgenland. Seit März werden im dortigen Krankenhaus auch komplizierte Eingriffe am Herzen vorgenommen. Bislang mussten Betroffene in der Region dazu nach Graz, St. Pölten oder Wien fahren. Und das hätte auch so bleiben sollen, befindet man bei der sogenannten Bundes-Zielsteuerungskommission. Das ist ein Gremium mit Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheitsministeriums, des Finanzministeriums, der Krankenkasse und der Bundesländer. Gemeinsam arbeitet man daran, die vorhandenen Mittel für die medizinische Versorgung so einzusetzen, das nichts verschwendet wird.
UND EINE HERZCHIRURGISCHE ABTEILUNG in Oberwart sei Verschwendung von öffentlichen Mitteln, weil eine solche nur bei einem Einzugsgebiet von mindestens 800.000 Menschen sinnvoll sei. Immerhin handelt es sich um recht seltene, besonders aufwendige Eingriffe, die noch dazu viel Routine erfordern. Es sei den Leuten zumutbar, dafür in ein anderes Bundesland zu fahren. Das sieht auch die „Gesellschaft für Herz- und thorakale Gefäßchirurgie“ so, also gewissermaßen die Vertretung der diesbezüglichen Fachleute. Sie warnt sogar davor, dass die Einrichtung „negative Auswirkungen auf die Patien:innensicherheit“ habe, weil die Qualität der Eingriffe nur durch hohe Fallzahlen gewährleistet sei.
