Kategorie: NZZ am Sonntag

Er machte Sebastian Kurz gross und wurde dem Kanzler dann zum Verhängnis: Der Verleger Wolfgang Fellner hat die Verquickung von Boulevard und Politik auf die Spitze getrieben.

Als der Sportreporter Daniel Winkler einmal nach Lenzerheide fuhr, wollte er bloss über das Saisonfinale des Ski-Weltcups berichten. Aber so läuft das nicht, wenn man für «Österreich» arbeitet. Als am Display seines Handys der Name von Chefredaktor Wolfgang Fellner aufleuchtete, ahnte er bereits, dass es unangenehm werden könnte.

Fellner ist kein Mann langer Reden. Es gebe, blaffte er ins Telefon, eine Fehde zwischen den Skifahrerinnen Marlies Schild und Julia Mancuso. «Zickenkrieg im Ski-Weltcup» sollte der Titel der Story lauten. Winklers Recherchen ergaben allerdings, dass sich die beiden Sportlerinnen prächtig verstanden. So schrieb er es in seinem Artikel. Bald darauf kam der nächste Anruf aus Wien: «Du Stocktrottel!», brüllte Fellner ins Telefon. Der «Zickenkrieg»-Artikel erschien trotzdem, frei erfunden. «Ich habe es gerade noch geschafft, meinen Namen aus der Autorenzeile löschen zu lassen», sagt Winkler. 14 Jahre ist das nun her. Er hat Österreich schon lange verlassen. Die Zeitung, nicht das Land.

DER MOGUL VON "ÖSTERREICH": WIE DAS SYSTEM FELLNER FUNKTIONIERT

Anders als in Ungarn oder Serbien merken die Menschen im Alltag nichts von der Freunderlwirtschaft. Man muss auf Ämtern keine Kuverts über den Tisch schieben, damit eine Akte zeitgerecht bearbeitet wird. Beamte, Ärzte oder Sachbearbeiter bei den geförderten Wohnbaugenossenschaften sind nicht käuflich. Der Rechtsstaat funktioniert – auch für internationale Investoren, die die Stabilität des Landes schätzen. Die Sumpfgebiete sind örtlich begrenzt auf den Nahbereich der politischen Eliten, die es nicht übertreiben. 

Warum Österreich trotzdem wie geschmiert funktioniert